Annoncer la couleur

Global Citizenship Education

Annoncer la couleur – Wie junge Menschen in Belgien zu Weltbürgern werden

Belgiens erfolgreiches Programm zur Global Citizenship Education

Global Citizenship Education (GCE) – der Begriff steht für den Ehrgeiz, junge Menschen zu verantwortungsbewussten Bürgern unseres Planeten zu erziehen. Oder wie die Deutsche UNESCO-Kommission es formuliert: „Global Citizenship Education ist politische Bildung im globalen Maßstab. Sie vermittelt Wissen und Fähigkeiten, um globale Herausforderungen zu verstehen und ihnen aktiv zu begegnen.“ Lernende sollen ein Zugehörigkeitsgefühl zur Weltgemeinschaft entwickeln und sich engagieren.

Wer wissen will, wie das gehen kann, sollte einen Blick nach Belgien werfen; bescheinigt eine Studie der OECD dem Land doch einen „beispielhaften Einsatz für Global Citizenship Education“. Verantwortlich ist in Belgien die Entwicklungshilfeagentur Enabel. Sie betreibt ein Programm, das Schulen, Experten und Bildungspolitiker zusammenbringt, um GCE-Inhalte im Unterricht zu verankern. Das Teilprojekt für französischsprachige Schulen trägt den sprechenden Namen „Annoncer la couleur“ („Farbe bekennen“); niederländischsprachige Schulen wenden sich an „Kruit“.

Enabel verfolgt drei miteinander verbundene Teilziele: Lehrkräfte und Schulen sollen ein Bewusstsein für globale Themen entwickeln; GCE-Inhalte sollen in Lehrpläne aufgenommen werden; und junge Leute sollen bei ihrem Engagement Unterstützung erfahren.

Schulen und Lehrkräfte für Themen sensibilisieren

Lehrerinnen und Lehrer setzen im Unterricht Schwerpunkte – sie unterrichten, was sie für wichtig halten. Aber was ist wichtig? Enabel möchte bei der Orientierung helfen, durch Informations- und Schulungsmaßnahmen für Lehrpersonal, Schulleitungen, pädagogische Berater und andere Fachkräfte. Thementage, Exkursionen, Weiterbildungen – es gibt viele Angebote, bei denen Pädagogen ihr Wissen zu so komplexen Themen wie Klimawandel oder Migration vertiefen können. Sie lernen vertraute Unterrichtsroutinen zu durchbrechen, weitere Gesichtspunkte einzubeziehen und sich selbst zu hinterfragen. Dabei werden sie durch Fachpublikationen unterstützt. Am Ende solcher Orientierungs- und Weiterbildungsprojekte stehen oft Schulinitiativen zu globalen Fragestellungen.

Themen im Bildungssystem verankern

Das Programm setzt einen weiteren Schwerpunkt im Bereich Advocacy: Dabei versucht Enabel, die verschiedenen Akteure im Bildungssystem von der Bedeutung der Global Citizenship Education zu überzeugen. Zielgruppe sind Bildungspolitiker und Mitarbeiter von Ministerien, Institutionen der Lehrerausbildung, Schul- und Lehrerverbände. Enabel ist seit 2015 an der großen Bildungsreform der Französischen Gemeinschaft (Wallonien + Brüssel) beteiligt. Die Einflussnahme Enabels und zahlreicher NGOs trug dazu bei, dass Wallonien und Brüssel im Jahr 2018 Global Citizenship Education in die Lehrpläne aufnahmen.

Ein anderes Arbeitsfeld ist pädagogische Innovation. Das Programm betreibt Innovationszentren, die neue Lehransätze zu Themen wie Gute Regierungsführung oder Dekolonialisierung erarbeiten. Dabei werden etwa die Rollen der Lehrenden kritisch hinterfragt, Unterrichtsinhalte fächerübergreifend konzipiert oder die Möglichkeiten der Kunst bei der Vermittlung von Inhalten ausgelotet.

Der künstlerische Ansatz z.B. sucht nach alternativen Zugängen zum Verständnis der Welt und kann auf einer anderen Ebene zum Wandel in der Gesellschaft beitragen. In diesem Teilprojekt wirkte Enabel an der Ausbildung künftiger Kunstlehrer mit; dabei entstand auch ein Handbuch, das Ausbildungsstätten als Leitfaden dienen kann.

#EnablingChange

Mit einer Studie wollte Enabel vor zwei Jahren herausfinden, wie sich junge Menschen in Belgien für eine bessere Zukunft engagieren. Ergebnis: Netzwerke sind für das Engagement von zentraler Wichtigkeit – lokale und internationale Organisationsforen genauso wie Kontakte im unmittelbaren Umfeld, in Familie, Schule, Jugendinitiativen und Universitäten. Aufbauend auf dieser Arbeit betreibt Enabel derzeit ein Pilotprojekt zu Engagement und internationaler Solidarität.

Was wir aus den Projekterfahrungen lernen können

Global Citizenship Education ist ein weites Feld, das darüber hinaus auch in jedem Land anders beackert werden will. Denn jedes Bildungssystem ist anders, und auch die kulturellen Voraussetzungen variieren von Land zu Land. Dennoch können wir von den Erfahrungen der Nachbarn lernen. Marie Navarre, bei Enabel verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit des Programms, hat in einem Text für die OECD einige Erkenntnisse aufgeschrieben, die auch für GCE-Planer in anderen Ländern interessant sind.

1. Lernt euer eigenes Bildungssystem kennen!

Wer das Bildungssystem verändern will, muss Bescheid wissen: Wer ist wofür zuständig? Wie sind die Strukturen und Abläufe? Was sind die gesetzlichen Regelungen? Wie ist der Stand bei Konzept- und Reformdebatten? Wer von den Fachleuten im Bildungssektor ernst genommen werden will, muss selbst zur Expertin werden.

2. Geht vom Wissens- und Erfahrungshintergrund junger Menschen aus und holt sie ab, wo sie sind!

Es bringt wenig, Schülerinnen und Schüler mit Katastrophenbildern aus fernen Ländern zu konfrontieren. Unterrichtsthemen sollten einen Bezug zum Alltag junger Menschen haben. In einem Teilprojekt für Berufsschulen beispielsweise sprechen Lehrende und Lernende über im Berufsalltag benötigte Werkzeuge und Materialien: Wo kommen sie her, wo werden sie hergestellt, wie werden sie transportiert und vermarktet?

Das Format „Questions vives“ – „Aktuelle Fragen“ – gibt Lehrerinnen und Lehrern Materialien zu Themen an die Hand, die gerade in den Medien präsent sind: allgemeine Informationen und Vorschläge für deren Einbindung in den Unterricht.

3. Arbeitet mit Partnern!

Niemand kann alles alleine tun. Ob es um die Entwicklung von Lehrmaterialien geht oder um die Verbreitung von methodischen Erkenntnissen, um die Ausrichtung von Weiterbildungsmaßnahmen oder um die Kontaktaufnahme zu sehr spezifischen Zielgruppen – für alles gibt es den richtigen Partner. Enabels GCE-Programm arbeitet mit Medien und Behörden zusammen, mit Schulen und Lehrerbildungseinrichtungen, mit NGOs und Verbänden.

Global Citizenship Education – die Heranbildung von Weltbürgern – ist vielleicht der Königsweg zu den SDGs, aber er ist lang und erfordert viele Ressourcen an Zeit, Engagement und Geld. Belgiens GCE-Programm bietet nicht nur Einzelprojekte für Schulen an; es versucht vielmehr, den gesamten Bildungssektor zu mobilisieren und nimmt alle in den Blick – vom einzelnen Schüler bis zum Bildungsminister. Denn nicht nur die Rettung des Planeten, sondern schon die Umgestaltung des Bildungssystems ist eine Aufgabe für alle.

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