Wie die Corona-Pandemie uns zu mehr Nachhaltigkeit motivieren kann

Das globale Klima erwärmt sich, immer mehr Arten sterben aus, in manchen Regionen wird Wasser zu einem knappen Gut, Plastikmüll verschmutzt unsere Meere, die Belastungen durch Feinstaub nehmen immer mehr zu – die Liste unserer globalen Herausforderungen ist lang und wird gefühlt immer länger. Und nun erleben wir auch noch zum ersten Mal in unserer Zeit eine globale Pandemie. Unser Alltag ist auf den Kopf gestellt, nichts scheint mehr sicher; was in den nächsten Wochen passiert, scheint nicht mehr planbar. Wie können wir lernen, in solch ungewissen Zeiten unsere Ängste zu überwinden, Risiken besser einzuschätzen und nachhaltige Verhaltensmuster langfristig zu etablieren? Erkenntnisse aus der Verhaltenswissenschaft können uns dabei helfen, dies erfolgreich zu meistern.

Aus verhaltenswissenschaftlicher Perspektive haben die oben genannten globalen Herausforderungen drei Punkte gemeinsam: Erstens, sie erfordern, dass wir unser individuelles Verhalten für die Gemeinschaft und das globale Gemeinwohl verändern. Häufig geht es dabei nicht nur um das eigene Wohlergehen, sondern vor allem um das Wohlergehen anderer Menschen (z.B. wenn wir auf Fleischkonsum und Flugreisen verzichten oder eine Mund-Nasen-Maske tragen). Zweitens, ist es häufig ungewiss oder nur schwer nachzuvollziehen, wie wirksam unser individuelles Handeln wirklich ist. Die Kosten unseres Verzichts hingegen spüren wir direkt und sie können unsere Lebensumstände gravierend verändern. Drittens, die Einschränkungen, die von uns gefordert werden, fallen jetzt in der Gegenwart an, während die positiven Auswirkungen unseres Verzichts größtenteils zeitlich versetzt in der Zukunft liegen.

In der aktuellen Corona-Pandemie nehmen Politikerinnen und Politiker Einfluss auf unser Verhalten. Einerseits setzen sie Regeln und Vorschriften, gleichzeitig appellieren sie auch an unser freiwilliges und verantwortungsvolles Handeln. Wir erleben gerade in vielen Ländern, wie erstaunlich handlungsfähig die Politik sein kann und, dass sich solch eine länderübergreifende Krise unter Kontrolle bringen lässt, wenn alle an einem Strang ziehen. Dabei sind Verhaltensmuster zur Bekämpfung der Pandemie und zum Schutz der Umwelt stark miteinander verknüpft. Studien zu China und Italien zeigen beispielsweise, dass die weltweiten negativen Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Umwelt seit Ausbruch der Corona-Pandemie erheblich zurückgegangen sind. Vielleicht bietet der derzeitige Ausnahmezustand für uns die Möglichkeit, eigene Verhaltensweisen auch für den Umweltschutz noch einmal kritisch zu hinterfragen und Gewohnheiten auch langfristig umzustellen. Vier Bereiche wollen wir euch vorstellen, bei denen Erkenntnisse aus der Verhaltenswissenschaft dabei helfen können, den gesellschaftlichen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit zu unterstützen:

1. Lernen mit Ungewissheit umzugehen

Wir sind nicht gut darin, abstrakte Risiken und Unsicherheiten zu bewerten. Das kann zu übertriebener Angst und Panik führen. Im Extremfall führt es sogar dazu, dass Menschen versuchen, durch den Glauben an Verschwörungstheorien Kontrolle über Risiken und Unsicherheiten zurück zu gewinnen. Dies ist gefährlich und bietet einen Nährboden für demokratiefeindliche Bewegungen. Untersuchungen haben gezeigt, dass Kampagnen mit Gegenargumenten zu Verschwörungstheorien einen Erfolg haben, und dass die Fähigkeit Fake News zu erkennen erlernt werden kann. In Zeiten von Ungewissheit und nur schwer greifbaren Risiken ist es wichtiger denn je, Expertinnen und Experten im jeweiligen Fachgebiet zu vertrauen und sich nicht von Verschwörungstheorien beeinflussen zu lassen. Eine transparente Kommunikation und kompetente Informationsbewertung helfen uns auch dabei, Fakten zum Klimawandel richtig zu bewerten und der Klimakrise erfolgreich entgegen zu treten. Dabei können wir durch einen verständnisvollen Austausch über Ängste und Sorgen (z.B. “Ich verstehe, dass es schwierig ist für dich auf ein Auto zu verzichten.”) sowie kritisches Hinterfragen (z.B. "Woher hast du diese Informationen?") und Faktenchecks (z.B. “Auf der Seite der Bundesgesundheitsministerium steht zu Impfungen, dass...”) auch zusätzlich dabei helfen, dass Freunde und Bekannte sich nicht von Verschwörungstheorien leiten lassen.  

2. Neue Gewohnheiten zum Schutz der Umwelt beibehalten

Alle Menschen folgen Gewohnheiten und diese haben maßgeblichen Einfluss auf unseren globalen ökologischen Fußabdruck. Gewohnheiten zu ändern fällt uns aber oft schwer. Wir alle kennen die guten Vorsätze zum Jahresbeginn, die dann aber doch selten umgesetzt werden. Außergewöhnliche Ereignisse wie z.B. ein Umzug, eine Trennung vom Partner oder der Partnerin oder eben eine Situation wie die aktuelle Pandemie zwingen uns dazu, unsere Gewohnheiten zu ändern. Das muss nicht unbedingt immer negativ sein. Denn Ausnahmesituationen  können uns auch dabei helfen, Neues auszuprobieren und neue  Verhaltensmuster zu etablieren. Vielleicht gehen wir mit Maske ungern shoppen und verzichten eine Weile auf den Kauf neuer Kleidung; vielleicht fahren wir neuerdings lieber mit dem Fahrrad oder gehen mehr zu Fuß, obwohl wir dabei womöglich mehr Zeit benötigen. Einige dieser neuen Verhaltensmuster nun (zumindest teilweise) beizubehalten, bietet Chancen, dass wir unseren Lebensstil auch langfristig nachhaltiger gestalten. Gleichzeitig sollten wir aufpassen, dass wir unseren Verzicht während der letzten Monate nun nicht dazu nutzen, erhöhten Konsum in der Zukunft zu rechtfertigen (z.B. “Ich habe kaum neue Klamotten gekauft, dafür kaufe ich jetzt wieder umso mehr.”).

3. Neue soziale Normen motivieren zu Umweltschutz

Unser Verhalten wird durch soziale Normen, das Handeln und Denken anderer Menschen in unserem sozialen Umfeld, beeinflusst. In einem Raum, in dem alle eine Maske tragen, würde man sich ohne Maske schnell unwohl fühlen. Je mehr Menschen im Bekannten- und Freundeskreis über die Corona-App reden und diese auf ihrem Smartphone installieren, desto eher ist man dazu geneigt, dies auch zu tun. Allerdings dauert es eine Weile, bis sich Normen etablieren. Sie müssen durch politische Maßnahmen und eine transparente Kommunikation unterstützt werden. Unter jüngeren Menschen bilden sich - im Vergleich zu ihren Großeltern - bereits neue Normen, z.B. im Umgang mit Fleischkonsum. Auch zählt für viele ein Auto nicht mehr unbedingt als Statussymbol, wie dies eventuell noch vor ein paar Jahren der Fall war. Wir nutzen Sharing-Dienste, nehmen mal das Leih-Fahrrad oder die Bahn, je nach Situation. Die Pandemie hat soziale Normen schneller verändert als gewöhnlich - plötzlich machen Freundinnen und Freunde Urlaub in der Region und auch Radfahren liegt auf einmal wieder stark im Trend. Das bietet die Chance, diese sozialen Normen zu etablieren und somit die Gesellschaft als Ganzes hin zu mehr Nachhaltigkeit zu bewegen. Um diese positive Veränderung von Normen aktiv zu unterstützen, hilft es zusätzlich sich im Freundes- und Bekanntenkreis über neue Normen und Verhaltensweisen auszutauschen (z.B. “ Ich fahre jetzt häufiger mit dem Leih-Fahrrad.”).

4. Verzicht von Konsum und Luxus als Bereicherung werten

Die letzten Monate haben uns dazu bewegt, neue Dinge auszuprobieren (z.B. Backen, Heimwerken und Spazierengehen) und andere Dinge seltener (z.B. Shopping) oder vorerst gar nicht auszuüben (z.B. Fernreisen). Dies kann schnell wie ein Verzicht wirken. Gleichzeitig kann es aber auch als Gewinn gesehen werden.  Wer erstmals im eigenen Land verreist, entdeckt vielleicht schöne neue Ecken, die man auch nach der Krise mehr zu schätzen weiß. Zum Teil verbringen wir mehr Zeit mit der Familie oder lassen alte Hobbys wieder aufleben und entdecken Neue. Die Pandemie zwingt uns dazu, zu entschleunigen und  umzudenken. Wenn wir dabei den Fokus darauf legen, was wir positiv dazu gewinnen, statt darauf zu schauen, was wir möglicherweise verlieren, stellen wir fest, dass neu in jedem Fall anders, aber nicht unbedingt weniger oder schlechter bedeutet. Wenn wir die  kleinen Dinge des Alltags mehr wertschätzen und achtsam mit unseren Mitmenschen und der Umwelt umgehen, ist das nicht nur wichtig, um die Pandemie und den Klimawandel zu bekämpfen, sondern es macht uns auch langfristig glücklicher.

Verfasserinnen:

Hanna Fuhrmann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE)

Sascha Kuhn, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE)

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von Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE)

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