Warum wir in Vertrauen investieren müssen, um COVID-19 zu beenden

Impf-Skeptizismus als globale Herausforderung

Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen oder zögerlich sind – sogenannte Impf-Skeptiker*innen –  haben während der COVID-19-Pandemie besondere Aufmerksamkeit erhalten. Obwohl bisher die ungleiche globale Verteilung von Impfstoffen die größte Herausforderung für den globalen Süden darstellt, kann sie allein nicht die niedrigen Impfraten in vielen Ländern erklären. Menschen, die sich Impfungen verweigern, gibt es seit Jahrhunderten. Die Akzeptanz von Impfungen ist aber entscheidend für die Gesundheit der Öffentlichkeit, den Schutz Einzelner und besonders gefährdeter Gruppen. 2019 stufte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Impf-Skeptizismus als eine der größten Bedrohungen für die globale Gesundheit ein. Eine geringe Akzeptanz von COVID-19-Impfstoffen gibt es im Nahen Osten, Afrika, Europa und Russland. In Afrika sind die Zahlen sehr unterschiedlich. Etwa ein Drittel der Menschen in Frankreich, Deutschland und den USA lehnt die COVID-19-Impfung ab. Sobald der Impfstoff im globalen Süden ausreichend verfügbar ist, könnte die Impfverweigerung eine globale Herausforderung im Kampf gegen die Pandemie darstellen.

Mangelndes Vertrauen als Ursache

Ein wesentlicher Grund für Impfskeptizismus ist mangelndes Vertrauen in Regierungen. Vor allem im globalen Süden schwächt das Erbe der westlichen Ausbeutung und des medizinischen Missbrauchs während und nach der Kolonialzeit das Vertrauen in den COVID-19-Impfstoff. Darüber hinaus geht die Anti-Impf-Stimmung in verschiedenen Weltregionen und sozialen Gruppen stark mit einer Anti-Establishment- und populistischen Politik einher. Populist*innen in Westeuropa verbreiten Zweifel an der Impfung als Protest gegen die Regierung. Auch in Südafrika, den USA und Neuseeland gibt es Beispiele für ähnliche Taktiken. Frühere Studien ergaben einen deutlichen positiven Zusammenhang zwischen dem Anteil der Wähler*innen populistischer Parteien und der Überzeugung, dass Impfstoffe in westeuropäischen Ländern nicht wichtig sind. Die zugrundeliegende Dynamik scheint ein globales Phänomen zu sein: Misstrauen gegenüber Wissenschaft und dem Wissen von Expert*innen.

Vertrauen wiederherstellen als zentrale Maßnahme

Um die Impfraten zu verbessern und gesellschaftliche Spaltungen zu überwinden, ist Vertrauen in Regierungen essentiell. Vier Säulen können dazu beitragen, Vertrauen der Öffentlichkeit in die Absichten und Motive von Regierungen zu stärken: Menschlichkeit, Transparenz, Kompetenz und Zuverlässigkeit. Wie können Regierungen dies erreichen?

Erstens, indem sie Menschlichkeit zeigen und sich ernsthaft um das Wohlergehen der Menschen kümmern. Jedem Menschen gebührt Wertschätzung und Respekt, unabhängig von seinem oder ihrem Hintergrund, Identität oder Überzeugungen. Empathie ist die Grundlage für einen echten Austausch. Regierungen sollten in der Impfkampagne nicht nur versuchen, durch Vorschriften zu überzeugen. Sie müssen mit denjenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, in einen offenen und empathischen Dialog treten und versuchen, ihre Sorgen zu verstehen. In San Francisco hat sich z.B. die Latino Task Force erfolgreich für die Impfung eingesetzt, indem sie direkt mit den am stärksten betroffenen Gruppen in Kontakt getreten ist.

Die zweite Säule, um Vertrauen zu stärken, ist Transparenz. Beweggründe für politische Entscheidungen müssen offen kommuniziert werden. Regierungen müssen Informationen z.B. in geeigneten digitalen Kanälen teilen. In Neukaledonien bewegen lokale Regierungen die Menschen zum Impfen, indem sie zu ihnen nach Hause gehen. In Botswana erhöht die Regierung die Impfquote durch die Social-Media-Kampagne #ArmReady.

Drittens müssen Regierungen ihre Kompetenz und Effektivität beweisen, z.B. durch kompetentes Gesundheitspersonal sowie ausreichend finanzielle Mittel, um qualitativ hochwertige Dienstleistungen erbringen zu können. Die WHO berichtet, dass afrikanische Länder mit guter Planung und Logistik große Fortschritte beim Impfen gemacht haben. Ghana hat in den ersten 20 Tagen 90% des gesamten Gesundheitspersonals geimpft. Dank eines erfolgreichen elektronischen Registrierungssystems hat Angola Hochrisikogruppen schnell geimpft.

Der vierte Baustein für Vertrauen ist Verlässlichkeit. Vertrauenswürdige Regierungen müssen Maßnahmen konsequent umsetzen, die Qualität von Programmen kontinuierlich verbessern und Versprechen einhalten. In der Impfkampagne müssen Regierungen genügend Impfdosen zur Verfügung stellen und diese effizient, gleichmäßig und gerecht verteilen, um den Zugang auch in entlegenen Gebieten zu gewährleisten. Länder des globalen Nordens müssen ihr Versprechen einhalten, Impfstoffe für den globalen Süden bereitzustellen. Impfstoffe müssen auch mit ausreichender Haltbarkeit zur Verfügung gestellt werden, sodass diese nicht schon abgelaufen sind, bevor sie verteilt werden können, wie es bei gespendeten Dosen in Nigeria der Fall war.

Impfskeptizismus oder Verweigerung ist eine Herausforderung, wenn es darum geht, das Ende der Pandemie zu erreichen. Für eine erfolgreiche globale Impfkampagne müssen Regierungen stetig daran arbeiten, Vertrauen wiederherzustellen. Denn Vertrauen ist ein wesentliches Attribut des sozialen Zusammenhalts. Gesellschaften mit sozialem Zusammenhalt sind in Krisenzeiten widerstandsfähiger und die aktuelle Krise ist sicherlich nicht die letzte, die wir erleben werden.

Tu Du’s – Auch Du kannst etwas tun!

Was kann jede und jeder einzelne von uns tun, um Vertrauen in Institutionen, Demokratie, Wissenschaft und Medien zu fördern? Wie kannst auch Du zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen?

  • Begegne allen Menschen in Deinem Alltag mit Respekt und Empathie, egal welcher Herkunft sie sind oder welche Überzeugung sie haben. Nur durch einen empathischen Austausch kann echtes Verständnis wachsen und langfristig gesellschaftliches Misstrauen überwunden werden.
  • Im Bereich Social Media und transparenter Informationsverbreitung kannst Du dazu beitragen, Vertrauen in Wissenschaft und auch Institutionen zu stärken, in dem Du Falschinformationen nicht verbreitest und Informationen, die Du teilst, vorher einem Faktencheck unterziehst.
  • Beim Impfen selbst kannst Du vor allem ältere Menschen und Menschen, die nicht so gut Deutsch sprechen oder wenig Erfahrung mit Online-Registrierungen haben, dabei unterstützen, sich durch elektronische Anmeldungsverfahren zu lotsen und Ihnen z.B. einen Impftermin besorgen.

Autorinnen

Johanna Vogel und Aline Burni, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE)

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von Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE)

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