18.08.2026
Städte spielen eine bedeutsame Rolle bei der Erreichung der SDGs. Immerhin leben dort rund 58 Prozent der Weltbevölkerung, Tendenz steigend. Wie nachhaltig wir unsere Städte gestalten (SDG 11) wird zum Beispiel darüber entscheiden, wie gut es uns gelingt, uns an die globale Erwärmung anzupassen (SDG 13). Ein Gespräch mit Christine Stecker, Stadtnatur-Expertin bei der Loki Schmidt Stiftung in Hamburg, über versiegelte Flächen, natürliche Klimaanlagen und die Bedeutung von Wildpflanzen für die Biodiversität (SDG 15).
Nachhaltige Stadtentwicklung: Pflanzen als natürliche Klimaanlage
„Wo es ein bisschen unordentlich ist, da wächst eher etwas Überraschendes, Zauberhaftes"
- Loki Schmidt
Europa erlebt 2026 einen extrem heißen und trockenen Sommer. Unsere Städte sind darauf nicht gut vorbereitet – und Klimaexpert*innen warnen, dass Hitzewellen künftig eher der Normalfall sein werden als die Ausnahme. Aktuell hat man jedoch den Eindruck, es wird mehr über Klimaanlagen diskutiert als über eine langfristige, nachhaltige Stadtentwicklung. Wie kommen wir zu zukunftsweisenden Konzepten für klimaangepasste, grünere Städte?
Christine Stecker: Wir sind im Klimawandel, auch wenn manch einer noch nicht so ganz verstanden hat, was das bedeutet. Die Aufgabe ist eigentlich klar: Wie schaffen wir es, dass die Menschen auch in Zukunft in den Städten gut leben, arbeiten und sein können? Wir haben noch nicht verinnerlicht, dass die Stadtplanung, die Landschaftsplanung und die Verkehrsplanung Hand in Hand zusammenarbeiten müssen, um eine nachhaltige, klimaresiliente Stadt zu planen, wie sie das SDG 11 vorgibt.
Es müssen einfach viel mehr Akteure den Fokus auf den Klimaschutz und die Klimaanpassung setzen, denn das bedeutet auch Gesundheitsschutz für die Bevölkerung, wenn wir die Stadt abkühlen und für Frischluftschneisen sorgen. Wir brauchen die grünen Klimaanlagen, die gleichzeitig einen wichtigen Beitrag für die gebietsheimische Biodiversität leisten können: Man kann Fassaden begrünen, man kann die Dächer begrünen, man kann Bäume pflanzen oder Grünflächen naturnah gestalten. Wir müssen etwas tun und wir müssen schneller werden.
Stattdessen wird weiter betoniert und asphaltiert...
Bei Neubauvorhaben und innerstädtischen Umgestaltungen wird noch zu viel Fläche neu versiegelt. Das ist auch aus ökonomischer Sicht nicht klug, denn die Städte müssen kurzfristig alle Entsiegelungspotenziale nutzen. Initiativen wie „Abpflastern“ versuchen pragmatisch und gemeinsam mit den kommunalen Verwaltungen, aktiv Flächen von Stein und Asphalt zu befreien.
Aber wenn man sich zentrale Plätze anschaut, fällt auf: Da sitzt man, meistens auf kommerziellen Flächen, unter einem Schirm in der Hitze. Ich verstehe nicht, warum sich in der Stadtplanung das Argument so hartnäckig hält, dass Plätze freigeräumt und voll versiegelt sein müssen, damit dort Veranstaltungen und Märkte stattfinden können. Wer einmal einen Weihnachts- oder Wochenmarkt unter Bäumen erlebt hat, der weiß, wie schön das ist.
Paris macht vor, wie es geht: Die Stadt hat den Rathausplatz auf 2.500 Quadratmetern Fläche entsiegelt und rund 150 große Bäume gepflanzt. Da war es den Verantwortlichen wichtiger, den Menschen eine lebenswerte Stadt zu übergeben, als an Denkmalschutz und freien Sichtachsen auf das Hotel de Ville festzuhalten.
Ein großes Problem in den Städten ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Die Politik gibt jetzt das Ziel vor, dass schneller und günstiger gebaut werden soll. Das klingt nicht gerade nach zeitgemäßen Konzepten zur Klimaanpassung, oder?
Man sollte immer intelligent bauen. Das heißt für mich: automatisch eine Grünfassade mitdenken, regenerative Energien mitdenken. Es gibt Fensterscheiben und Dachziegel, die haben Solarmodule integriert, die sieht man gar nicht. Jetzt an den Materialien zu sparen, weniger zu dämmen oder günstige Baustoffe zu nehmen, das führt langfristig nicht in die richtige Richtung. Denn wir bauen ja nicht nur für zwei Jahre, sondern für Jahrzehnte.
In Hamburg haben wir schon eine Gründachpflicht, ab 2027 wird diese für bestimmte Dächer zur Solargründachpflicht erweitert. Da sind wir ein bisschen weiter als andere Bundesländer.
Neubauten sind das Eine, aber was lässt sich im Bestand, in der bereits gebauten Stadt, bewirken?
Was auch im Bestand wunderbar funktioniert, sind begrünte Fassaden. Ja, die müssen gepflegt werden, aber sie führen zu einer unmittelbaren Verbesserung des Mikroklimas, sorgen auf natürliche Art und Weise dafür, dass die Gebäude abkühlen, sie filtern Feinstaub und verbessern so die Luftqualität. Außerdem bieten sie Insekten und Vögeln Lebensraum.
Und auch in bestehenden Vierteln kann man Bäume pflanzen – es gibt nichts Besseres, um sich in der Stadt an den Klimawandel anzupassen. Singapur ist das beste Beispiel dafür, dass man auch eine verdichtete Stadt mit vielen Hochhäusern begrünen kann. Das Konzept heißt „City in a Garden“, 50 Prozent der Stadtfläche sollen grün werden. Eine Kollegin von mir war dort und schrieb mir, das habe sie noch nie erlebt: Man läuft auf verschiedenen Etagen, unten ist es grün, oben ist es grün, in der Mitte ist es grün – wie man das sonst nur aus Visualisierungen von Zukunftsvisionen kennt.
In Deutschland hört man immer wieder, dass man in den Städten keine heimischen Bäume mehr pflanzen könne, weil die dem Klimastress nicht standhielten.
Das mag für einzelne Baumarten gelten, aber in der Summe greift das meines Erachtens zu kurz. Man muss nur mal nach Freiburg gucken, wo es historisch gesehen schon lange besonders warm ist. Welche Bäume schaffen es dort und unter welchen Bedingungen?
Die Bedingungen für die Bäume müssen stimmen. Jung gepflanzte Bäume werden leider oft nicht ausreichend bewässert, denn im Zweifelsfall ist es günstiger, sie eingehen zu lassen und neu zu pflanzen. Mich macht es traurig, wenn ich gleich mehrere neu gepflanzte Bäume in einer Straße sehe, die abgestorben sind oder extrem leiden.
Außerdem muss man sich bewusst machen, dass jeder Baum eine Wurzelfläche hat, die größer ist als der sichtbare Kronendurchmesser. Diese äußeren feinen Wurzeln sind sehr empfindlich, sie brauchen Platz und sie brauchen Wasser. Deshalb sollte man in Baumbereichen nicht parken. Maßnahmen, die Bäume entlasten und dafür sorgen, dass Regenwasser überhaupt bei ihnen ankommt, dienen also ganz klar dem Klimaschutz und der Gesunderhaltung der Bäume. Das müsste man der Bevölkerung viel stärker kommunizieren. Die ärgert sich oft einfach nur darüber, dass schon wieder Parkplätze wegfallen. Dabei haben eigentlich alle Interesse daran, dass die Bäume erhalten bleiben.
Sie halten also nichts davon, Baumarten aus anderen Erdteilen zu pflanzen, die Hitze und Trockenheit besser vertragen?
Nein. Manch einem Vogel ist das vielleicht egal, in welchem Baum er brütet. Aber es gibt viele andere Tiere, die auf bestimmte Bäume spezialisiert sind, zum Beispiel Käfer, Wanzen, Raupen oder Spinnen.
Das Insektensterben verläuft leider viel zu still. Laut der sogenannten Krefeld-Studie – und die ist auch schon ein paar Jahre alt – haben wir schon 75 Prozent der Insektenmasse in Deutschland verloren. Wenn wir noch mehr Insekten verlieren, sieht es schlecht für uns aus. Nicht nur, was die Bestäubung unserer Kulturpflanzen anbetrifft, sondern auch im Hinblick auf saubere Gewässer, gesunde Böden, all das, was Insekten und Kleinsttiere eben auch leisten.
Und den Insekten helfen auch schon kleine blühende Flächen in der Stadt?
Ja, wir müssen dafür sorgen, dass unsere Städte bunter, blühender und wilder werden, dass in unseren Parks und Grünanlagen und auch am Straßenrand mehr Wiesen und Grünstreifen mit Wildblumen und Gräsern entstehen. Nicht nur runtergemähte Rasenflächen, die im Sommer braun sind und dann zu Hitzeflächen werden.
In Hamburg wurden zum Beispiel naturnahe Baustandards für Spiel- und Freiräume in Kitas und Schulen entwickelt. Dazu gibt es ein Praxishandbuch mit einzelnen Modulen, was man alles machen kann. Das Ziel ist, das Gelände zu entsiegeln und naturnah zu gestalten. Da gibt es keinen vollasphaltierten Schulhof mehr mit ein paar Bänken in der Sonne, sondern ganz viel Lebensraum für Tiere und Pflanzen und ganz viel Entdeckungs- und Spielraum für Kinder mit Bäumen, Büschen, Wildblumenflächen und Hecken. Kinder lieben es, sich zu verstecken, sie sind neugierig und wollen Natur erleben.
Sie begleiten auch Menschen, die Patenschaften für öffentliche Grünflächen übernehmen und diese dann in Eigeninitiative bepflanzen und pflegen.
Ja. Bevor sie ins Gartencenter gehen und viel Geld für Pflanzen ausgeben, die nur einjährig sind, beraten wir sie: Was pflanzt du am sinnvollsten an diesem Standort? Wo bekommst du die passenden Wildpflanzen her? Was kannst du dir vorstellen und was schaffst du? Leider sind heimische Wildpflanzen beziehungsweise klimaresiliente Pflanzen, die nicht viel Wasser brauchen, kaum bekannt. Oder sie werden als Unkraut wahrgenommen, obwohl sie einen großen ökologischen Wert haben. Die Brennnessel ist zum Beispiel super wichtig, wenn man noch Schmetterlinge haben möchte.
Hilfreiche Informationen zu passenden Pflanzen bekommt man zum Beispiel auf der Plattform NaturaDB, beim NaturGarten e.V. und beim Nabu.
Ihr Projekt „Moin Stadtnatur“ richtet sich auch an Menschen, die nur eine Terrasse oder einen Balkon zur Verfügung haben. Kann also wirklich jede*r einen Beitrag zur Stadtbegrünung und zu einem besseren Stadtklima leisten?
Auf jeden Fall. Unsere Balkonberaterin hat mitten in Hamburg etwa drei Quadratmeter Balkonplatz, wirklich winzig und mit Südlage im dritten Stock. Und sie schafft es, dass der Balkon durch Bepflanzung so runterkühlt, dass sie sich im Sommer wunderbar hinsetzen kann. Die Vielfalt an Tieren, die sie anlockt, ist sehr beeindruckend.
Wir sagen immer: Der erste Topf zählt! Wenn der Balkon bis jetzt leer war, dann kann man mit einem Töpfchen Bio-Oregano (Origanum vulgare) oder Bio-Thymian (Thymus vulgaris) anfangen. Den lässt man ein bisschen blühen und wird sich wundern, wie schnell die Hummeln kommen. Also, das schafft wirklich jeder!
Dieses Interview wurde vom Redaktionsbüro SINNTHESE mit Christine Stecker geführt.
Christine Stecker arbeitet seit vier Jahren bei der Loki Schmidt Stiftung und ist dort für das Thema Stadtnatur verantwortlich. Sie leitet unter anderem die Stiftungsprojekte „Moin Stadtnatur“ und „Kooperation Natur“.
Die Loki Schmidt Stiftung – mit einer Narzisse fing es an:
In den 1970er Jahren erwarb Loki Schmidt, Frau des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, eine Wiese, um ein Vorkommen der Wilden Narzisse zu sichern. Der Grundstein war gelegt für die "Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung Loki Schmidt zum Schutze gefährdeter Pflanzen". Heute gehören der Loki Schmidt Stiftung Wiesen, Wälder und Moore in 12 Bundesländern. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt ist die Umweltbildung. Die Stiftung betreibt drei Infohäuser in Hamburg und bietet gemeinsam mit Partnern rund 1.500 Veranstaltungen im Jahr an.
Das von der Hamburger Umweltbehörde geförderte Projekt „Moin Stadtnatur“ berät Hamburger*innen, Kitas, Schulen und die Wohnungswirtschaft kostenlos bei der Gestaltung naturnaher Gärten, Balkone und Freiflächen. Das Projekt „Kooperation Natur“ unterstützt Unternehmen und Organisationen dabei, natürliche Lebensräume auf ihren Parkplätzen, Dächern und Fassaden zu schaffen.