Stell dir vor, dein Garten ist so trocken, dass dein Gemüse verwelkt – und gleichzeitig wachsen ganz in der Nähe sattgrüne, kräftige Pflanzen. So ähnlich geht es vielen Menschen in Petorca, einer Provinz in Zentralchile. Dort gibt es an vielen Berghängen Avocadoplantagen. Sie werden das ganze Jahr über bewässert, während in den Dörfern das Wasser knapp ist.
Der Avocadoanbau in Petorca boomt seit den 1990er Jahren. Weil Avocados viele gesunde Fettsäuren, Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe enthalten, gilt die Frucht inzwischen weltweit als „Superfood“ und die Nachfrage steigt immer weiter.
Die Plantagenflächen in Petorca haben sich im Lauf der Zeit vervielfacht und ihr Wasserverbrauch ist enorm gestiegen. Gleichzeitig leidet Chile seit mehr als 15 Jahren unter einer extremen Dürre. Folge: Die Grundwasservorräte und die Flüsse in Petorca können sich nicht mehr auf natürlichem Weg erneuern.
Um ihre Plantagen weiter bewirtschaften zu können, bohren die großen Agrarunternehmen immer tiefere Brunnen und bauen riesige Wasserspeicher. Bei den Kleinbäuerinnen und -bauern kommt dagegen immer weniger Wasser an. Sie können ihre Felder nicht mehr ausreichend bewässern und ihre Familien kaum noch ernähren.
Tausende Menschen in der Region sind auf staatlich finanzierte Wasserlieferungen per Tankwagen angewiesen. Sie erhalten täglich rund 50 Liter Wasser pro Person, während ein Avocadobaum an einem Tag bis zu 150 Liter verbraucht.
Der chilenische Wasserkodex und seine Folgen
Die ungleiche Verteilung des Wassers hat ihren Ursprung im chilenischen Wasserkodex (Código de Aguas). Das Gesetz trat 1981 während der Militärdiktatur in Kraft. Es ermöglicht dem Staat, Wassernutzungsrechte kostenlos an Unternehmen und Privatpersonen zu vergeben – unabhängig vom Landbesitz. Wer mehr als einen kleinen Hausbrunnen für den Eigenbedarf betreiben will, muss dafür eine Genehmigung bei der zentralen Wasserbehörde beantragen. Diese galt ursprünglich sogar auf unbegrenzte Zeit.
Der Código de Aguas macht das Recht auf Wassernutzung in Chile zu Privateigentum, das wie eine Ware gehandelt werden kann – und die chilenische Verfassung von 1980 schützt dieses Eigentum. Der Wassersektor ist dadurch in den Händen von wenigen Rechteinhabern. Laut einer Studie der Universidad de las Américas kontrollierte 2020 ein Prozent der Besitzer von Wassernutzungsrechten fast 80 Prozent des verfügbaren Wassers.
Wasseraktivistinnen und -aktivisten in Petorca
Auch in Petorca sind die Wassernutzungsrechte ungleich verteilt: Recherchen des chilenischen Zentrums für investigativen Journalismus und Information (CIPER) von 2017 haben ergeben, dass der Großteil der Wasserrechte in den Händen von nur vier Familien liegt, die Agrarunternehmen besitzen. Ländliche Trinkwassergenossenschaften, Kleinbauern oder Viehzüchter in der Region besitzen dagegen nur minimale oder gar keine Wassernutzungsrechte.
Der Wassermangel bestimmt den Alltag vieler Menschen in Petorca. Da das Wasser rationiert wird, müssen sie täglich entscheiden, wie viel sie zum Trinken, Kochen, Waschen oder Duschen nutzen können. Das Koch- oder Spülwasser nutzen sie auch zum Bewässern ihrer Pflanzen.
„So überlebt man hier (…), man muss Wasser sammeln, um es später wiederzuverwenden“, sagt die Wasseraktivistin Verónica Vilches im Podcast „El hilo“. Sie engagiert sich in der Organisation MODATIMA, die für das Menschenrecht auf Wasser in Petorca kämpft. Die Organisation wirft den Avocadobauern vor, mehr Wasser zu verbrauchen, als ihnen zusteht. Die Wasserknappheit sei nicht nur auf die Dürre zurückzuführen, sondern entstehe durch „Plünderung“. Außerdem kritisieren die Aktivistinnen und Aktivisten, dass das Wassergesetz private Nutzungsrechte über den menschlichen Bedarf stellt. Viele von ihnen werden wegen ihrer Proteste beschimpft und bedroht.
Hoffnung auf Reformen
Gegen die ungleiche Verteilung des Wassers regt sich in Chile seit Jahren Widerstand. 2019 und 2020 gingen Tausende für soziale Gerechtigkeit auf die Straße. Auf vielen ihrer Plakate war zu lesen: “Wasser ist ein Menschenrecht, keine Ware!”
2021 wurde ein Entwurf für eine neue chilenische Verfassung erarbeitet, der auch die Wasserrechte umfasste: Wasser wurde darin zum Gemeingut erklärt und der Zugang zu Wasser und Sanitärversorgung als Menschenrecht definiert. Der Entwurf scheiterte aber bei einem Referendum und trat nicht in Kraft.
Im März 2022 wurde jedoch eine Reform des Wassergesetzes verabschiedet – nach rund zwölf Jahren Beratung. Die neue Regelung erkennt den Zugang zu Trinkwasser und Sanitärversorgung als Menschenrecht an und legt fest, dass menschlicher Konsum Vorrang vor anderen Arten des Wasserverbrauchs haben soll. Neue Wassernutzungsrechte werden nicht mehr dauerhaft, sondern auf 30 Jahre befristet vergeben. Zudem wurden Maßnahmen zum Schutz und Erhalt von Ökosystemen eingeführt. Der Staat hat jetzt auch mehr Möglichkeiten, in den Markt einzugreifen. Bei Wasserknappheit können zum Beispiel Nutzungsrechte zeitweise ausgesetzt werden oder der Wasserverbrauch von bestimmten Nutzern kann begrenzt werden.
Wasserkrise in Petorca beendet?
Als die Reform des Wassergesetzes kam, hatten die Grundwasservorkommen in Petorca schon ein kritisches Niveau erreicht. Die Flüsse in der Region sind mittlerweile ausgetrocknet. Der Wasserkonflikt in Petorca ist daher noch nicht gelöst.
Auf die bestehenden privaten Wasserrechte, die vor der Reform vergeben wurden, hat die neue Gesetzgebung keinen Einfluss. Um eine Umverteilung des Wassers zu erreichen, hätte man die Verfassung ändern müssen, in der Wasser weiterhin als „Eigentum“ bezeichnet wird.
So pumpen die großen Avocadoplantagen weiterhin Wasser aus dem Boden, während es in den umliegenden Dörfern knapp ist. Die Eigentümer der Wasserrechte verdienen sogar Geld mit der Wasserknappheit. Sie verkaufen dem Staat Wasser, das er mit Tankwagen zu den Menschen in Petorca bringt.
Fortschritte bei SDG 6 in Chile
Laut dem Bericht über die Ziele für nachhaltige Entwicklung von 2025 hat Chile das SDG 6 erreicht oder ist zumindest stabil auf Kurs, es zu erreichen. Demnach haben 98 Prozent der chilenischen Bevölkerung Zugang zu sicherem Trinkwasser.
Fast 90 Prozent der Bevölkerung leben in Städten. Dort ist die Wasserinfrastruktur modern und die Trinkwasserversorgung liegt bei fast 100 Prozent. Auf dem Land sieht es jedoch anders aus: Laut einer Studie der Fundación Amulén aus dem Jahr 2019 hatten mehr als 47 Prozent der Bevölkerung in ländlichen Gebieten keinen Wasseranschluss in ihren Wohnhäusern. Sie waren auf Brunnen, Flüsse oder Lieferungen mit Tanklastwagen angewiesen. Da der SDG-Wert den nationalen Durchschnitt misst, werden diese ländlichen Defizite durch städtische Werte ausgeglichen.
Trotz der Wasserkrise in einigen Regionen von Chile bewertet der SDG-Bericht den Wasserstress in Chile mit nur neun Prozent als niedrig. Auch dieses widersprüchliche Ergebnis entsteht durch die Berechnungsmethode: Die jährliche Wasserentnahme wird ins Verhältnis zu den verfügbaren erneuerbaren Wasserressourcen eines Landes gesetzt. So entsteht ein Durchschnittswert, der regionale Krisen unsichtbar macht: Die großen Wassermengen im Süden Chiles gleichen die Defizite im Norden und in Zentralchile aus.
Der aktuelle Wasserrisiko-Atlas des World Resources Institute verfolgt einen anderen Ansatz und bewertet den Wasserstress in Chile als extrem hoch. Chile steht auf Platz 16 der Länder mit dem größten Wasserstress weltweit. Das Institut bezieht sich auf lokale Stresspunkte im Norden und im Zentrum des Landes, wo der Verbrauch – vor allem durch Landwirtschaft und Bergbau – die natürliche Verfügbarkeit des Wassers übersteigt. Zudem wird das Risiko von Dürren und anderen Einflüssen berücksichtigt.
Wasserprivatisierung und SDG 6
Die Privatisierung von Wasser verhindert Fortschritte bei SDG 6. “Wasser ist ein Menschenrecht, es muss als Gemeingut verwaltet werden. Betrachtet man Wasser als Ware oder Geschäftsmöglichkeit, werden diejenigen zurückgelassen, die keinen Zugang dazu haben oder sich die Marktpreise nicht leisten können”, so ein Statement von UN-Menschenrechtsexperten 2023.
Internationale Studien belegen die negativen Wirkungen der Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen: erhöhte Preise, schlechtere Versorgung für die Menschen und geringere Investitionen in die Infrastruktur.
Die privaten Unternehmen, die für die Wassernetze in Chile zuständig sind, investieren wenig in die Nachrüstung der Netze. Laut der chilenischen Wasserregulierungsbehörde wird jährlich nur die Hälfte der Summe in die Erneuerung investiert, die für eine angenommene Lebensdauer der Netze von 50 Jahren nötig wäre. Eine der Folgen: Weil das Leitungssystem undicht ist, sind allein 2022 rund 33 Prozent des transportierten Wassers verloren gegangen.
Eine Studie der Universität Barcelona aus dem Jahr 2010 konnte in ihren Analysen keinen Beleg dafür finden, dass die Privatisierung der Wasserversorgung zu niedrigeren Kosten führt. Bei einem weltweiten Ranking der Wasserpreise in Städten lagen sieben chilenische Städte unter den 100 Orten mit den höchsten Preisen. Haushalte, die fünf Prozent oder mehr von ihrem Einkommen für die Wasser- und Abwasserkosten ausgeben, können in Chile einen staatlichen Zuschuss beantragen, der einen Teil der Kosten deckt.
Du fragst dich nun, was du persönlich machen kannst?
Deshalb kommen hier ein paar passende Tu Du's für dich:
- Der Zugang zu Wasser ist ein Menschenrecht, das nicht wirtschaftlichen Interessen unterworfen werden darf. Stell das klar, wenn es in Diskussionen um die Privatisierung der Wasserversorgung geht.
- Hoher Wasserverbrauch, lange Transportwege, großer Energieverbrauch bei der Lagerung: Die Ökobilanz von Avocados aus Lateinamerika ist nicht gut. Zwar ist der Transportweg einer Avocado aus Spanien kürzer, aber auch dort bedroht ihr Anbau die Wasserreserven. Mach dir also klar, dass es negative Auswirkungen hat, wenn Du eine Avocado isst und genieße die Frucht sparsam und bewusst.
- Greif auf einheimisches Superfood zu und setze neue Trends. Nüsse (gute Fette), Hülsenfrüchte (Eiweiß) und Obst (Vitamine) können die Avocado – zumindest was den Nährwert angeht – ersetzen.
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1: https://www.ecolyma.cl/crisis-hidrica-petorca-escasez-agua-monocultivos-paltas/
3: https://www.boell.de/de/2025/12/03/die-spur-der-avocado
4: https://elhilo.audio/podcast/crisis-agua-chile-sequia/
7: https://repositorio.uchile.cl/bitstream/2250/195032/1/Petorca-llora-lagrimas-secas.pdf
8: https://www.bcn.cl/leychile/navegar?idNorma=5605
9: https://visualjournalism.de/magazin/wasser/mein-wasser-dein-wasser/
10: https://mercadohidrico.cl/informaciones/sentido-y-alcance-del-articulo-56o-del-codigo-de-aguas/
11: https://www.camara.cl/camara/doc/leyes_normas/constitucion_politica.pdf
14: https://www.ciperchile.cl/2018/04/27/la-naturaleza-politica-de-la-sequia-en-petorca/
15: https://www.ila-web.de/es/ausgaben/433/der-chilenische-wasserkrieg
16: https://repositorio.uchile.cl/bitstream/2250/195032/1/Petorca-llora-lagrimas-secas.pdf
17: https://repositorio.uchile.cl/bitstream/2250/195032/1/Petorca-llora-lagrimas-secas.pdf
18: https://elhilo.audio/podcast/crisis-agua-chile-sequia/
19: https://www.boell.de/de/2025/12/03/die-spur-der-avocado#Wort
Klimaschutz, fairer Handel, Flucht und Migration sind Themen, die uns alle angehen. Unser Lebensstil und unsere Art zu wirtschaften haben unmittelbare, globale Folgen. Daher haben sich die Vereinten Nationen (UN) 2015 zusammengetan und die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) ins Leben gerufen. Damit sollen Zivilbevölkerung, politische und wirtschaftliche Akteure zu nachhaltigem Handeln motiviert werden.
Die Bildungskampagne #17Ziele verknüpft die Kernbotschaften der Nachhaltigkeitsziele mit der Alltagswelt der Deutschen Zivilbevölkerung und inspiriert durch optimistische und positive Kommunikation zu sozialem, ökologischem und ökonomischen Engagement und Handeln.
Gemeinsam mit planlos.in hat die Bildungskampagne #17Ziele ein digitales, kostenloses Rätsel zu SDG 6 und der Privatisierung von Wasser (in Chile) entwickelt.
planlos.in entwickelt seit Jahren interaktive Stadterlebnisse in ganz Deutschland. Mit kreativen Storylines und innovativen Spielformaten bringt das Team Kultur, Geschichte und aktuelle Themen dorthin, wo Menschen unterwegs sind: direkt auf die Straßen ihrer Stadt. Finde eine Tour in deiner Stadt oder erlebe die 17Ziele in Leipzig ganz neu.